Privat: Sterben ist keine Option – Wenn uns geliebte Menschen verlassen.

Vatergefühle

Sterben ist keine Option – ein Satz, den die kürzlich an Krebs verstorbene und so tapfere deutsche Moderatorin Miriam Pielhau einst sagte, als sie das erste Mal den Krebs besiegte. Ein Satz oder besser gesagt, ein Gefühl, dass ich sehr gut kenne. Der heutige Post wird sehr privat werden. Ich habe schon öfter darüber nachgedacht, ob ich ihn wirklich verfassen soll oder ob es doch einfach zu intim ist. Vielleicht brauche ich es gerade als eine Art Verarbeitung, weshalb ich auch diejenigen darum bitte, die dieses Thema zu sehr belastet oder gar als nicht passend empfinden, einfach nicht weiterzulesen.

Vatergefühle

Es liegt in der Familie.

Als ich vier Jahre alt war, erkrankte meine Mutter an Gebärmutterhalskrebs. In dem Alter war mir nicht bewusst, dass der eine Besuch im Krankenhaus auch der letzte hätte gewesen sein können. Für mich war das alles eher aufregend, da ich plötzlich mit meiner Schwester, meinem Papa und meiner Oma alleine daheim war und Mama irgendwo, gefühlte Kilometer weitweg, in einem Zimmer mit komischen Tanten lag. Tanten, die mich ja ach so süß und zum Tätcheln toll fanden, vor denen ich jedoch am liebsten reißaus genommen hätte. Wäre meine Mutter damals nicht zur Vorsorgeuntersuchung gegangen und wäre der Arzt nicht so aufmerksam gewesen, würde ich diesen Artikel nun aus einer ganz anderen Sicht herausschreiben.

Er hat schon welche mit sich gerissen.

In der Familie meines Vaters sind beinahe alljene, die ich kannte (zumindest noch Erzählungen), wenn nicht im Krieg gefallen, dann doch an Krebs verstorben. Man kann also ganz klar sagen, dass meine Gesundheit diesbezüglich extrem vorbelastet ist und mich die Welt des Krebs’ dadurch womöglich anders betrachten lässt.

Ich wünschte, ich hätte etwas tun können.

2006. Das Jahr, in dem ich nicht nur die Liebe meines Lebens fand, sondern mich auch von einer anderen Liebe verabschieden musste. Es war das Jahr, in dem mein Vater die Diagnose Krebs im Endstadium erhielt und es war das Jahr, in dem er uns für immer verließ. Der Lungenkrebs hatte bereits Metastasen im Gehirn gestreut und war nicht mehr aufzuhalten. Dabei hatte er schon Jahre vorher das Rauchen aufgehört, doch die Jahrzehnte zuvor, die er Kette rauchte und dann noch die Arbeit mit Lacken und Co. mit denen er in der Werkstatt arbeitete, hatten ihr Werk vollbracht und alles zerfressen, was sie vor die Füße bekamen.

Es ging viel zu schnell – Ich wollte und konnte es nicht wahrhaben.

Es lagen nur drei Monate zwischen der Diagnose und dem Ende. Drei Monate in denen ich nicht realisieren konnte, was da gerade passiert. Drei Monate in denen ich es einfach nicht realisieren WOLLTE. Die Chemo, die er sich noch aufbürdete als letzter Strohhlam, an dem er und wir uns festhielten, brachte nichts außer noch mehr Leid und Qualen. Ich tat das, was ich heute so sehr bereue – ich blockte ab.

Ich wünschte, ich hätte es nicht getan.

Man sagt ja immer wieder, man soll Dinge, die man tat nicht bereuen, da man sie nicht ändern kann. Doch ich bereue. Ich bereue es zutiefst, dass ich in der kurzen Zeit, die ich voll und ganz hätte auskosten sollen, mich abschottete. Ich ging weder ins Krankenhaus, noch so zu Besuchen. Nicht, weil ich meinen Vater nicht sehen wollte, sondern einfach weil ich mir einredete, ich hätte noch unendlich viel Zeit. Es passiert allen anderen, aber nein, ich verliere meinen Vater nicht. Mir wird das nicht geschehen – alles wird sich wieder zum Guten wenden und Jahre später würden wir zurückblicken und darüber schmunzeln, was wir für Sorgen hatten. Ich bereue meinem geliebten Vater am Sterbebett nicht noch gesagt zu haben, wie sehr ich ihn liebe und dass er mir fehlen wird. Ich bereue all das und noch so viel mehr, was ich hätte tun sollen, ja müssen, es aber einfach nicht tat.

Ich wusste es sofort.

Früher habe ich überlegt, wie ich reagieren würde, wenn plötzlich jemand vor der Tür stehen und die schlimmste Nachrichten überbringen würde, die man jemals erhalten könnte. Nicht, weil ich scharf darauf war, unbedingt einen geliebten Menschen zu verlieren, sondern einfach nur, weil ich mich fragte, ob ich wie im Film wohl auch die Beherrschung verlieren würde. Dass ich schneller erfahren würde, wie es ist, damit hätte ich niemals gerechnet.

Es war ein Dienstag. Wir saßen alle im Spanischunterricht und ich dachte nur daran, wie ich die nächsten 45min. überstehen würde ohne jeden Moment wegzunicken. Dann geht die Tür auf und Herr P. tritt in den Raum. Ehe er etwas sagen konnte, wusste ich, dass er wegen mir hereinkam und dass der Moment gekommen war. Er war da, um mich aus dem Unterricht zu holen, da nicht mehr viel Zeit zur Verabschiedung blieb. Ich schwieg. Packte meine Sachen und machte mich auf den Weg zu meinem Bruder. Gemeinsam würden wir ins Krankenhaus fahren.

Alles lief wie in einem Film ab als würde ich mich gerade selbst beobachten und gar nicht am Geschehen partizipieren. Der Schock saß so tief, dass ich mir nicht vorstellen konnte, was mich erwarten würde.

Er war nur noch eine Hülle seiner Selbst.

Als wir die Tür öffneten, war mein Vater bereits ins künstliche Koma versetzt worden. Derjenige, der da lag, war nur noch ein Schatten von dem Mann, den ich einst so bewunderte. Einzig und allein sein Schlucken gaben Anzeichen darauf, dass er noch lebte oder nennen, wir es besser, noch existierte.

Seine Händen waren eiskalt, sein Gesicht bläulich angelaufen und eingefallen. Es versetzte mir einen harten Schlag in die Magengrube – ein Anblick, den ich bis heute nicht verarbeitet habe und der mich nachts oft aufschrecken ließ.

Ich hielt seine Hand, sagen konnte ich aber nichts, obwohl ich noch so viel auszusprechen hatte. Es war als hätte ich einen unsichtbaren Knebel im Mund, der jegliches Sprechen unmöglich machte. Irgendwann hörte das Schlucken auf und damit starb auch jegliche irrationale Hoffnung auf ein Erwachen aus diesem Alptraum.

Jeder trauert anders.

Am nächsten Tag ging ich zur wieder zur Schule. Ich wollte nicht daheim sitzen, in meinem Kämmerlein und Trübsal blasen. Vielleicht wollte ich auch irgendwie, dass mich jemand darauf anspricht, ich weiß es nicht mehr. Allerdings weiß ich noch, dass ich mich so fürchterlich darüber aufregte, dass ich nichts vernünftiges in Schwarz hatte. Wie konnte ich dem ganzen die angemessene Ehre zuteil kommen lassen, wenn ich gottverdammt nichts passendes in Schwarz hatte. Ich weiß, ein Gedanke bei dem manche jetzt den Kopf schütteln und sich denken, dass es doch wirklich schnurzpiep egal gewesen wäre. Klar, wäre es das. Nur für mich war es in dem Moment das wichtigste auf der Welt.

Lange Zeit konnte ich nicht darüber sprechen ohne dass mir die Sprache wortwörtlich im Halse stecken geblieben wäre. Ich konnte nicht aussprechen, was geschah und wie ich mich damit fühle, jedenfalls nicht im Detail, denn die Tatsache, dass mein Vater verstorben war, ging flappsig heraus.

Die Verarbeitung solch eines Erlebnisses kann manchmal schon merkwürdige Ausmaße annehmen und deshalb bitte ich hier wirklich jeden, der im näheren Umfeld jemanden hat, der einen geliebten Menschen verlor oder ihn gerade verliert, verurteilt ihn niemals für seine Art damit umzugehen. Nur, weil man sich mit unwichtigen Dingen beschäftigt, bedeutet dies noch lange nicht, dass es einen kalt lässt – ganz im Gegenteil. Es ist manchmal schlichtweg leichter sich auf Triviales zu konzentrieren als sich mit dem auseinanderzusetzen, was einem gerade ein tiefes Loch ins Herz reißt.

 

 

 

 

14 Comments

  • Liebe Sylvi, auch mir ist es ein dringendes Bedürfnis dir zu schreiben.
    Ich bin die Mutter von Sandra, euch beiden sei gesagt, dass ihr alles richtig gemacht habt, so wie ihr es konntet, so wie ihr in der Lage wart. Es macht mich betroffen, wenn ich von euren Seelenqualen lese oder von Sandra höre, es gibt nichts was ihr euch vorwerfen müsstet. Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich nie darüber nachdenke, was ich hätte anders machen können, doch es bringt mich nicht weiter, es ändert nichts, daher versuche ich, diese Gedanken direkt wieder im Keim zu ersticken. Ich habe mir früher oft überlegt, dass es vermutlich für alle Beteiligten besser ist, wenn einem noch Zeit bleibt sich zu verabschieden, mittlerweile sage ich es ist eigentliche gal. Bei meinem Schwiegervater hatte ich die Zeit und ich möchte nicht einen Augenblick davon missen, da wir uns unglaublich nahe gekommen sind, doch ich sah auch sein Leiden, seine Verzweiflung. Gut, wir konnten noch Dinge klären, seine Ängste konnten wir ihm nicht nehmen und ich bin häufig vom Hospiz nach Hause gefahren und habe mir gewünscht, dass seine Qual endlich ein Ende hat. Bei meinem Mann, ging es so schnell, so dass ich keine Möglichkeit mehr hatte, etwas zu klären, es gab aber auch nichts zu klären, das beruhigt mich. Mir ging es ähnlich mit der Trauerkleidung, ich wollte nur noch schwarz tragen, wurde gefragt, warum ich das tue und ich antwortete, weil ich keine Farben mag und meine Stimmung so düster. Der Umgang mit derTrauer, mittlerweile mein Thema, Samstags ist mein Mann gestorben, Montags saß ich im Büro und arbeitete, der Betrieb musste weiterlaufen, es gab viele dies das nicht verstanden. Die generell meine Trauer nicht verstanden, bzw. unsere. Wir lachten, versuchten nicht an unserem Schmerz kaputt zu gehen. Die ersten Monate, versuchte ich noch alles so zu machen wie ich es früher gemacht habe, ich traf mich mit Freunden, ging feiern und merkte, ich kann das nicht, zog mich zurück und es tat mir gut. Ich schrieb meinem Mann ganz viel über whatsapp, Facebook und in ein Buch der Erinnerung, das half mir ungemein. Freunde, fanden mein Verhalten komisch, fühlten sich unwohl, konnten mit mir nicht mehr umgehen. Nach einem Jahr, konnte ich zum ersten Mal wieder richtig lachen und auch da wurde geredet. Es ist egal, wie man trauert, die Leute reden immer. Trauerst du zu “lange”, heißt es, jetzt muss aber mal gut sein, trauerst du zu “kurz”, heißt es, och, der geht es aber gut. Jeder, geht auf seine Weise damit um und es gibt dabei kein richtig oder falsch.
    Die “Luxusprobleme” mancher Zeitgenossen, kann ich kaum noch ertragen, da regt man sich über irgendwelche Banalitäten auf, ich sitze daneben und wundere mich. Liebe Sylvi, ich wünsche dir wirklich nur das Allerbeste.

    • Lieeb Anke,

      ich danke Dir vielmals für Deine ausführliche und ehrliche Rückmeldung.
      Ich kann nur sagen: Du hast Sandra mit ihrem losen Mudnwerk 😉 richtig gut hinbekommen :).
      Rational gesehen gibt es wahrscheinlich tatsächlich nichts, was man hätte anders machen können, allein schon weil man ja wirklich nicht weiß, wie viel Zeit einem geblieben wäre. ichtsdestotrotz und das hast Du ja auch selbst zugegeben, kommen diese fiesen Gedanken, die ganz leise vor sich hinlodern und manchmal kann man sie besser verdrängen, manchmal aber eben auch nicht.
      Es freut mich jedoch, dass Du Deinem Schwiegervater noch einmal näher kommen konntest, wenngleich einen das Leiden des Menschen, den man so mag, niederreisst. Ganz gleich wie es geschieht, einen geliebten Menschen zu verlieren ist niemals leicht!
      Da gebe ich Dir recht, die Leute reden immer und recht machen kann man es eh nie allen. Doch gerade in dieser Beziehung finde ich, sollte man es nur einem recht machen, nämlich sich selbst. Jeder sollte, nein muss für sich selbst herausfinden, welcher Weg am erträglichsten ist und so lange oder so kurz, so laut oder so leise trauern wie er es für richtig hält. Nicht mehr und nicht weniger.
      Nochmals liebsten Dank Anke, für Deine Anteilnahme und deinen wirklich bereichernden Kommentar! Auch Dir nur das Allerbeste!

  • Ach, mein Roman war eigentlich zu Ende aber mir fällt jetzt doch noch was ein:
    Als ich mit meinem Freud zusammen kam und hörte,wie viele Menschen in seinem Leben schon verstorben sind, da hab ich auch angefangen mir zu überlegen, wie man das aushält. Mir alles ausgemalt und mir überlegt, wie ich wohl reagieren würde. Irgendwie ist dann doch alles ganz anders, als man sich das vorstellt.

    Ich bin ca. zwei Stunden vor dem Tod meines Vaters ultrafröhlich ins Bett und habe die ganze Zeit geübt, den Cup-Song zu trommeln und zu singen, um meinen Dad am nächsten Tag damit beeindrucken zu können weil er son Trommler war und wir uns da immer gebattlet haben. Die Absurdität der Lyrics des Songs in Verbindung mit seinem Tod hallt mir heute noch durch den Kopf. And, I’m leaving tomorrow, what do you say? When I’m gone, When I’m gone You’re gonna miss me when I’m gone You’re gonna miss me by my hair You’re gonna miss me everywhere, oh you’re sure gonna miss me when I’m gone.

    Morgens um fünf, als ich dann erfuhr was passiert ist, lief “Happy” im Radio auf dem Weg zu meiner Ma und ich frage mich bis heute, wie scheiße dämlich Zufälle eigentlich sein können. Den Rest hab ich eher wie im Film erlebt.

    • Nachdem das Schicksal mich bzw. ja meinen Vater traf, hatte ich kurz den Gedankengang im Kopf: Wie blöd bist Du eigentlich, dass Du Dir es damals vorgestellt hast, wie Du reagierst – jetzt hast Du ja Deine Antwort, dumme Kuh.
      Ich weiß (oder hoffe), dass das eine mit dem anderen nichts zu tun hatte, aber ganz leise ist da eine Stimme, die sagt: Na, da hast Du ja Deinen Willen… Wenngleich ich es ja nie erfahren wollte!

      Ach du Schande, das Leben spielt manchmal wirklich seine Späße mit einem. Wie blöde können Zufälle bitte fallen. Aber sieh es mal so, Du wolltest Deinen Vater glücklich machen und ihr hattet scheinbar eine wunderbare Beziehung zueinander – auch, wenn es den Schmerz nicht nimmt..

      • Uh ja! Bei dem Gedanken ertappe ich mich auch oft. Gerade weil man ja sagt, dass stetige Gedanken durchaus in der Lage sind, gewisse Dinge hervor zu rufen. Muss mir da auch oft gebetsmühlenartig einreden, dass das trotzdem nichts miteinander zu tun haben kann. Gerade wenn man heute (quasi “danach”) in Bezug auf andere Menschen oder Ereignisse solche Gedanken hat.

        Die Sache mit den Songs finde ich übrigens nicht schlimm, eher… weird 😀

        • Am besten jeglichen negativen Gedanken verdrängen. Immer, wenn mir ein ähnlicher Gedanke kommt (beispielsweise beim Fliegen: was wäre, wenn das Flugzeug abstürzt), ratter ich ganz schnell hintereinander ab, dass ich das ja gar nicht will etc. Total dumm, aber toitoitoi 😀 😉

    • Liebe Sylvi, genau das meinte ich, da sowieso geredet wird, können wir auch trauern wie wir wollen und das sollten wir auch.
      Noch einmal kurz zu den fiesen Gedanken, ja, die kommen, ist vermutlich auch ganz normal. Trotzdem bringt es uns keinen Schritt weiter, dieses “hätte, wenn und aber”, ausser das wir uns in Gedanken, Spekulationen verlieren. Vermutlich täten wir besser daran, uns an all das schöne zu erinnern.
      Ich wünsche dir ein wunderschönes Wochenende.
      Ach so, Sandra haben wir schon sehr gut hinbekommen, sie ist einfach toll. 🙂

  • Ach Sylvi. Ich hab das dringende Bedürfnis etwas zu schreiben. Auch wenn ich es selbst immer total dämlich finde, wenn mich wildfremde mit ihren Erfahrungen volltexten… ich mach datt einfach. Wenn Du es nicht lesen willst, lies es einfach nicht und denk Dir ein: I feel you <3

    Ich weiß nicht, wie es ist, den eigenen Vater so zu sehen, denn mein Vater war ja kerngesund und ich habe nach seinem Tod darauf verzichtet ihn mir anzusehen, es hätte aber wahrscheinlich auch keine Möglichkeit dazu geben.

    Aber ich weiß, wie es ist, wenn man geliebte Menschen verliert. Wie man dagegen ankämpft anzunehmen und zu realisieren, dass man sich verabschieden sollte und die Zeit nicht wieder kommt. Und ich weiß, wie man mit sich hadert, wegen der Entscheidungen, die man getroffen hat. Ich verfluche, dass ich das Telefon in der Nacht nicht gehört habe, als mein Vater um sein Leben gekämpft hat. Ich verfluche, dass ich nicht die Chance genutzt habe, ins Krankenhaus zu fahren und mich von ihm zu verabschieden. Und ich verfluche die Phantasien, die unweigerlich in meinen Kopf kommen, eben weil ich keine echten Bilder vor Augen habe.

    Bei der Krebserkrankung meines Opas habe ich mich ähnlich verhalten wie du und auch die Zeitspanne war gleich. Ich war zwar im Krankenhaus und auch im Hospiz, aber (aus meiner Sicht) zu selten. Aus dem selben Grund wie Du. Ich habe mir eingeredet, dass noch Zeit bleibt. Immerhin haben die Ärzte doch gesagt, dass er mit Chemo noch zwei Jahre hat.

    Aber ich habe mich auch gefürchtet vor meinen Gefühlen. Davor, von ihnen übermannt zu werden. Und es hat mir das Herz zerrissen, meinen Opa so zu sehen. Diesen Anblick konnte ich kaum ertragen und so manches Mal war der Anblick schwerer, als der Gedanke daran, dass er vielleicht "irgendwann" stirbt. Auch deshalb bin ich nur selten zu ihm und ich bereue es immer und immer wieder.

    Genauso oft, wie ich mir all das vorwerfe und gewisse Verhaltensweisen von mir bereue, frage ich mich aber auch, was es geändert hätte. Letzten Endes ist nämlich sowieso alles Scheiße und bleibt Scheiße. Ob man da war und die Bilder, Gerüche und Geräusche nicht aus dem Kopf bekommt und sich fragt, ob man nicht noch mehr hätte machen können, oder ob man nicht da war und sich all das vorstellt und sich wünscht, man hätte mehr getan.

    Ich stimme Dir absolut zu, dass man vielleicht seltsame Verhaltensweisen trauernder Menschen akzeptieren sollte. Es gibt soooo viele Wege damit umzugehen und keiner dieser Wege kann und sollte falsch sein oder als falsch angesehen werden. Das mieseste, was einem Menschen in dieser Situation entgegen prallen kann ist Unverständnis. Ich hab das auch oft erlebt bzw. erlebe es weiterhin, weil auch ich eine für viele "seltsame Art" habe, mit dem Tod umzugehen.

    Und ich danke dir für einen so offenen Artikel. Du weißt ja, dass ich sowas am liebsten lese auch wenn das in diesem Fall nicht der richtige Ausdruck dafür ist :-*

    • Liebe Sandra,

      denke bei mir niemals, dass es mich nicht interessiert oder ich es nciht lesen mag/werde.
      Ich bin Dir unendlich dankbar, dass Du Deine Erlebnisse und Eindrücke mit mir und den anderen teilst!!

      Ich kann so mit Dir fühlen und Dich verstehen, aber ich versuche mir dann immer einzureden: Man hat es in dem Moment einfach nicht besser gewusst. Das mit Deinem Vater und den Umständen, die sich daran anschlossen, tut mir sehr leid – ebenso der Verlust Deines Opas.

      Du hast natürlich absolut Recht – ändern tut nichts von alledem, kein Bereuen, keine Gewissensbisse, kein Hätte-Könnte-Würde und dennoch sind solche Gedanken an manchen Tage so hartnäckig und beißen sich richtig fest, dass man gar nicht anders kann als sich selbst und sein Tun (Nichttun) zu verfluchen.
      Und ich gebe Dir ebenso Recht, dass Unverständnis das letzte sein sollte, was man in solch einer Situation entgegengebracht bekommen sollte. Ich muss sagen, dass ich mich bezüglich des Mitgefühls für Fremde aber etwas verändert habe. Wenn mir Freundin xy von einem Freund xy erzählt, der gerade wen verliert oder wenn mir von der nächsten Tragödie aus dem TV berichtet wird, winke ich das nur noch ab. Nicht, weil mir die Schicksale nicht leidtun und ich mit den Menschen mitfühlen kann, sondern eben weil ich es kann und das Gefühl sich noch das Leid anderer aufzubürden würde mich momentan einfach zu Boden reißen.

      Schön, dass es anderen genauso oder ähnlich geht, wenngleich ich natürlich jedem wünsche, niemals solche Gefühle haben zu müssen!

      • Deal! Denk ich nie wieder.

        Du ich verstehe das total. Ich arbeite gerade hart an mir, dass ich das Leid anderer wie Du “abwinken” kann. Tatsächlich muss man sich da irgendwie schützen, damit es einen nicht zu Boden reißt und/oder Wunden aufreißt.

        Wobei ich mich oft auch dabei erwische, wenn was (in meinen Augen) vielleicht nicht so dramatisch war, gleich auch genau das zu denken. Dabei ist ja auch das empfundene Leid genauso individuell wie die Trauer. Und wer noch nix Schlimmes erlebt hat, für den ist vielleicht schon ein harmloser Krankenhausaufenthalt eine Katastrophe.

        Mir tut es aber auch immer gut von anderen zu lesen. Also so wie bei Dir. Mir geht das einerseits zwar nah, aber andererseits tut es eben irgendwie auch gut, davon zu lesen weil man weiß, dass man mit all solchen Problemen nicht alleine ist.

        • Manchmal erwische ich mich auch dabei, wenn Freunde von ihrem Leid klagen, dass ich mir denke: Ernsthaft? Du weißt doch gar nciht, was wirkliches Leid ist. Sei dankbar für das, was Du hast etc…
          Aber natürlich stimmt es, dass das eigene Leid immer noch am schlimmsten wahrgenommen wird, was ja auch absolut legitim ist. Und nur, weil es für mich, nach all dem, was ich auf meiner Liste abhaken musste (ich weiß, doofes Bild), wie ein Witz erscheint, kann es für den Betroffenden ein halber Weltuntergang sein. Ich muss noch lernen diesbezüglich nicht immer allzu forsch zu sein, da ich ja niemanden verletzten mag, ganz im Gegenteil, mir aber so manches Mal einfach der Kragen platzt…

          Ich danke Dir für Deine ganzen Nachrichten <3

          • Jau so geht es mir auch. Wir sind schon Freaks 😀
            Aber man lernt eben gute Dinge (oder eben weniger schlechte) deutlich mehr zu schätzen. Eigentlich also auch nicht negativ, wenn man auf Grund der eigenen Erfahrungen halt schon weiter ist.

            Wir kriegen datt schon alles hin und jetzt hören wir auf zu jammern hahaha <3

  • Ich weiß genau wie du dich mit all dem fühlst. Wobei es bei mir doch komplett anders alles ablief als bei dir.

    Mein Vater verstarb plötzlich und ich hatte nicht mal die Gelegenheit drüber nachzudenken, ob ich noch genug Zeit für den Abschied habe oder nicht. Aber beides ist schlimm und für die Betroffenen traurig. Wobei es bei solch einer heftigen und schlimmen Krankheit für den Sterbenden ja dann doch auch Erlösung ist. Hilft den Hinterbliebenen aber kein Stück, ich weiß.

    Ich weiß auch noch ganz genau wie das damals war, als ich die Nachricht vom Tod meines Vaters bekommen habe. Ich weiß genau was ich gemacht habe. Ich weiß genau wie ich mich gefühlt habe. Auch heute breche ich plötzlich mal einfach in Tränen aus (aber nur wenn ich allein bin) weil ich dann an irgendwas denken muss, was ich nie mit meinem Vater werde erleben können. Und das ist wirklich schwer für mich.
    Aber ich erkenne mich hier auch ein wenig wieder. Auch ich habe, bevor mein Vater gestorben ist, öfter mal darüber nachgedacht wie ich reagieren würde, wenn mir jemand diese Nachricht überbringt. Und auch ich habe niemals damit gerechnet, dass es schon so früh kam und mein Vater mit nur 43 Jahren gehen musste. Ich ging auch davon aus, dass ich noch etliche Jahre mit meinem Vater haben werde.

    Ich fühle mir dir!

    • Danke Dir für Deine ehrlichen und ausführlichen Worte, das finde ich unheimlich klasse!
      Ja, ich weiß nicht, was schlimmer ist – Zeit zu haben sich damit auseinanderzusetzen oder dieses plötzliche Puff und weg. Ich denke, beides hat in gewisserwesie seine Vorteile (falls man das so nennen kann), aber auch und vor allem seine Nachteile.
      Puh 43 Jahre ist nun wirklich kein Alter und ich verstehe dich voll und ganz, dass dann plötzlich die Tränen kommen, ist bei mir nicht anders. Allein schon, wenn ich an meine Hochzeit oder meine Kinder denke, die er gar icht kennenlernen wird… Oh man oh man. Der Verlust von Deinem Papa tut mir sehr leid!
      Aber ich versuche mir einzureden, dass der Tod kein Abschied für immer ist..
      Schön, dass Du das mit mir geteilt hast <3
      Ich sende tausend Küsschen an Dich!

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